TuWa - Logo
Heute:   14
Gestern:   192
Gesamt:   102372
   

Talenterkennung & Talentförderung


1. Was ist ein Talent?
2. Talentdefinitionen
2.1 Disposition
2.2 Bereitschaft
2.3 soziales Umfeld
2.4 Resultate
3. Talentsuche und Talenterkennung
4. Talententwicklung
4.1 motorische Entwicklung
4.2 psychische Entwicklung
4.3 eigendynamischer Verlauf
4.4 biologische Systeme
5. Talentförderung
6. Talentförderung in Schule und Verein
7. Vielseitigkeit und Spezialisierung im Trainingsprozess
8. Problem des Dropouts
9. Checkliste Talentförderung


1. Was ist ein Talent?

Die Frage, woran man ein Talent im Sport erkennt, lässt sich nur sehr schwierig beantworten, weil es hierfür keine eindeutigen Kriterien gibt. Daher kann man sich nur auf Merkmale stützen, die sportartenspezifisch sind, zum Beispiel die körperlichen Voraussetzungen, das genetische Potenzial, konditionelle und koordinative Fähigkeiten sowie hohe Leistungen im Jugendalter.
Ob und wer als Talent erkannt wird, hängt außerdem stark vom subjektiven Erfahrungswissen der Trainer ab.
Kriterien, die ein Talent ausmachen und auch in wissenschaftlichen Zusammenhängen genannt werden, sind etwa auffällig gute Leistungen im frühen Lebensalter, großes Interesse und schnelle Leistungssteigerungen, die ohne großen Aufwand erzielt werden.
Klare Prognosen, wie weit es ein so genanntes Talent einmal bringen wird, lassen sich also kaum stellen, weswegen in der Regel nur vage Wahrscheinlichkeitsaussagen gemacht werden.

Talenterkennung & Talentförderung

Talenterkennung & Talentförderung

2. Talentdefinitionen

a) Der statische Talentbegriff
Als (sportliches) Talent kann eine Person bezeichnet werden, die über (vorwiegend genetisch bedingte) Dispositionen (körperliche Verfassung) zum Erreichen von hohen sportlichen Leistungen verfügt, die Bereitschaft mitbringt, solche Leistungen auch zu vollbringen, die Möglichkeiten dafür in der sozialen Umwelt vorfindet und letztlich mit den erzielten Leistungen und Resultaten den Eignungsnachweis dokumentiert.
(Joch, W.; Ückert, S.: Grundlagen des Trainierens, Münster 1999, S. 300)

b) Der dynamische Talentbegriff
Talent besitzt oder: ein Talent ist, wer auf der Grundlage von Dispositionen, Leistungsbereitschaft und den Möglichkeiten der realen Lebensumwelt über dem Altersdurchschnitt liegende (möglichst im Wettkampf nachgewiesene) entwicklungsfähige Leistungsresultate erzielt, die das Ergebnis eines aktiven, intentional durch Training gesteuerten Veränderungsprozesses darstellen, der auf ein später zu erreichendes hohes (sportliches) Leistungsniveau zielstrebig ausgerichtet ist.
(Joch, W.; Ückert, S.: Grundlagen des Trainierens, Münster 1999, S. 301)

Da man den Begriff des Talents wie bereits erwähnt nur sehr schwierig definieren kann, beschränkt man sich häufig auf Kriterien und Merkmale, die vermutlich Einfluss auf das Talent und seine sportliche Entwicklung haben. Dazu zählen:
physische Merkmale: Kondition und Koordination, aerobe und anaerobe Ausdauer, Schnelligkeits- und Kraftausdauer, Aktions- und Reaktionsschnelligkeit, statische und dynamische Kraft sowie Gelenkigkeit
anthropometrische Voraussetzungen: Körpergröße, -gewicht, -proportionen sowie der -schwerpunkt, Verhältnis von Muskel- und Fettgewebe
technomotorische Bedingungen: Raum-, Distanz- und Tempogefühl, Gleichgewichtsfähigkeit, rhythmische Fähigkeiten, Ausdrucksfähigkeit, Ballgefühl
Leistungsbereitschaft: Trainingsfleiß, Beharrlichkeit, Frustrationstoleranz, Motivation, Interesse, Einstellung
Lernfähigkeit: Auffassungsgabe, Lernfähigkeit, Analysevermögen
kognitive Steuerung: Konzentration, taktisches Vermögen, Kreativität
affektive Faktoren: psychische Stabilität, Stressbewältigung
soziales Voraussetzungen: Elternhaus, soziales Umfeld
sportmotorische Fertigkeiten: sportartenspezifische Techniken
Physiologie: Lebensvorgänge des menschlichen Organismus
Psychologie: seelische Vorgänge
Morphologie: Gestalt und Formenbildung
Wahrnehmung und Antizipation

Der Begriff des Talents lässt sich außerdem in den statischen und den dynamischen Bereich unterteilen, wobei sich der statische Talentbegriff durch die vier Voraussetzungen Disposition (körperliche Verfassung), Bereitschaft, soziales Umfeld und Resultate definiert.


2.1 Disposition

Unter Disposition versteht man individuelle Voraussetzungen motorischer (Bewegungsfunktionen des menschlichen Körpers), psychischer und somatischer (den Körper betreffend) Art.


2.2 Bereitschaft

Ein Talent muss nicht nur die körperlichen Voraussetzungen erfüllen, um gute sportliche Leistungen zu erbringen. Vielmehr muss es auch Willenseigenschaften innehaben, um hohe Leistungen erzielen zu wollen (Motivation, Ehrgeiz, Antrieb, Investitionen).


2.3 soziales Umfeld

Ein Talent ist zum großen Teil davon abhängig, in welchem sozialen Umfeld es lebt (gesellschaftliche Rahmenvoraussetzungen). Sind ausreichend Ressourcen (Trainer, Trainingszeiten und -partner) vorhanden und werden das Talent und seine Investitionen für den Sport akzeptiert und für förderungswürdig angesehen (Familie, Schule, Vereine, Verbände)?
Die Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen für das Kind. Fahren die Eltern das Kind nicht zum Vereins- oder Stützpunkttraining, zu Lehrgängen oder zu Wettkämpfen, wird es nie sein Leistungspotential ausschöpfen können. Die zeitliche Organisation im familiären Tagesablauf muss daher auf das Kind und den Sport optimiert werden. Außerdem sind die Eltern der emotionale Rückhalt für das Kind. Sie „sind der Garant für eine Leistungsförderung, sowohl hinsichtlich der eigenen Wertvorstellungen des Kindes als auch in finanzieller und organisatorischer Hinsicht.“ (Thomas Dick: dts 10/2003, S.8)
Auch wenn sie nur das Beste für ihr Kind wollen. Eltern sollten sich trotzdem nicht in das Training und das Coaching einmischen. Dies sollte einzig und allein in der Verantwortung der Trainer liegen.


2.4 Resultate

Talente zeichnen sich durch überdurchschnittliche und objektive erbrachte Leistungen, zum Beispiel in Wettkämpfen, aus.
Die körperliche Verfassung, die Bereitschaft in den Sport zu investieren und das soziale Umfeld, das diese Entscheidung mittragen muss, sind die Voraussetzungen, um einen objektiven Leistungsnachweis möglich zu machen.

Talenterkennung & Talentförderung

3. Talentsuche und Talenterkennung

Es gibt viele verschiedene Wege, ein Talent zu erkennen. „Verfahren zur (…) Talentbestimmung (…) eignen sich nicht zur frühen Talentauswahl mit niedrigen Selektionsquoten“ (Wendland, U.: Individuelle Leistungsprognosen im Spitzensport, Schorndorf 1986, S.133).
Vielfach wird daher die natürliche Auswahl über die verbandlich organisierten Wettkampfsysteme als derzeit effektivste Möglichkeit angesehen, Talente zu entdecken, denn sportliches Talent besitzt derjenige Akteur, welcher sich durch Wettkampferfolge bis in die obersten Leistungsklassen durchsetzt.
Ein Problem dabei ist, dass sich sportliche Leistungen, die in jungen Jahren vollbracht werden, nicht auf eine Endleistung im Erwachsenenalter hochrechnen lassen. „Talententwicklung ist ein Veränderungsprozess, der über die Motorik hinaus alle Bereiche der menschlichen Persönlichkeit erfasst und als ein vorrangig offenes System mit überwiegend indeterministischen (nicht festgelegtem) Charakter zu verstehen ist.“ (Joch, W.; Ückert, S.: Grundlagen des Trainierens, Münster 1999, S. 285)

Talente lassen sich also über viele verschiedene Wege finden:
• Erfahrung der Trainer
• sportmotorische Tests
• Sichtungslehrgänge
• Interesse und Neigung

Eine wichtige Rolle dabei spielen die Trainer, die die Kinder bei ihren ersten Schritten im Sport begleiten. Aus ihrer Erfahrung heraus können sie meist sehr gut beurteilen, ob ein Kind Potenzial besitzt. Dies sehen sie anhand von harmonischen Bewegungsabläufen, konditionellen und koordinativen Fähigkeiten, der Motivation sowie der Lerngeschwindigkeit des Sportlers.
Sportmotorische Tests, die als Leistungsdiagnosekriterien eingesetzt werden, können isoliert vorgenommen werden oder auch Bestandteil von Sichtungsmaßnahmen sein. Zwar sind die sportmotorischen Tests weit verbreitet, doch ihre Aussagekraft wird unterschiedlich eingeschätzt. Es gibt zum einen allgemeine Test und zum anderen sportartenspezifische Test. Beim Tischtennis wäre zum Beispiel das Tischtennissportabzeichen eine vereinfachte Form dieses Tests.
Auch können Trainer die Kinder bei anderen Sportarten oder Bewegungsaufgaben beobachten, zum Beispiel beim Sportunterricht in der Schule, um sich ein besseres Bild von den Bewegungsfähigkeiten der Kinder zu bilden.
Die Sichtungslehrgänge orientieren sich zum einen aus Vorleistungen (Ergebnissen), die die jungen Athleten in Wettkämpfen (Meisterschaften, Ranglisten, Mini-Meisterschaften) erbracht haben, zum anderen aus einer Vielzahl anderer Kriterien.
Im Tischtennissport werden die Kinder in der Regel zuerst bei Meisterschaften oder Ranglisten beobachtet und dann zu einem Sichtungslehrgang eingeladen. Dies ist normalerweise ein Tageslehrgang. Dazu kommen später Lehrgänge am Wochenende und über eine komplette Woche zu den Ferienzeiten. Außerdem werden die Nachwuchssportler zu Stützpunkten eingeladen, wo das Trainingsniveau deutlich höher ist als in ihrem Heimatverein.
Ein weiteres Verfahren betrachtet das Interesse und die Neigungen der Kinder und bezieht sich auf einen offenen Talentbegriff, der zum einen die Interessendokumentation und zum anderen eine nicht auffällig negative Leistungs- und Bewegungskompetenz beinhaltet.
In den letzten Jahren wird der Kampf der Trainer, Vereine und Verbände um sportliche Talente immer größer, da die Talentreserve begrenzt und eher rückläufig ist (Übergewicht der Kinder, mangelnde Bewegungserfahrung, konditionelle und koordinative Probleme). Dadurch kommt es zu einer immer weiteren Vorverlagerung der Talentauswahl durch die Verbände, die die Kinder zu früh an eine Sportart binden, obwohl es für sie besser wäre, wenn sie noch ein unspezialisiertes Bewegungsangebot erhalten würden.


4. Talententwicklung

„Der Leistungssport ist einer der wenigen Bereiche, in denen ein Kind oder Jugendlicher lernt, dass Aufwand und Ertrag in einem Zusammenhang stehen, dass Folgerichtigkeit und Kontinuität erforderlich sind, um zu größeren Leistungen befähigt zu sein.“ (Krüger, A.: Trainer brauchen Pädagogik. IN: Leistungssport 19/5, 1989, S.32)
Trotzdem können Talente nicht immer das einhalten, was Eltern, Vereine, Trainer, Verbände und auch sie selbst von sich erwarten. Wer als Kind zu den Leistungsstärksten zählt, muss dies als Jugendlicher oder Erwachsener nicht zwangsläufig weiterhin tun. Die langfristige Entwicklung eines sportlichen Talents wird von vielen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel persönlichen (Pubertät), schulischen (Wechsel zur weiterführenden Schule) und familiären Veränderungen. Außerdem kommt noch hinzu, dass sich Kinder unterschiedlich schnell entwickeln.
Talente sind einem Gemisch aus inneren und äußeren Erwartungen ausgesetzt, weswegen ein feinfühliges und positiv motivierendes Verhalten aller Beteiligten (Eltern, Trainer, Verein, Verband, Funktionär, Sponsor) notwendig ist. Gemeinsam mit dem Talent sollten die Beteiligten realistische Ziele definieren, die zum einen mit denen des Kindes übereinstimmen müssen und zum anderen nicht rein ergebnisorientiert sein dürfen. Wichtig ist auch, dass der Spieler selbst den eigenen Erwartungsdruck nicht zu hoch schraubt, denn dies könnte sich kontraproduktiv auswirken.


4.1 motorische Entwicklung

Die motorische Entwicklung verläuft in Schüben, so dass es Phasen mit einer schnelleren oder langsameren Entwicklung gibt. Hinzu kommen Phasen der Leistungsstagnation und sogar der Leistungsrezession, bei denen der junge Sportler nicht für Trainings- oder Außenreize empfänglich ist.


4.2 psychische Entwicklung

Die Pubertät ist eine Altersstufe mit einer großen psychischen Instabilität, hervorgerufen durch einen hormonellen Wandel. Dieser Instabilität stehen aber Anforderungen wie Leistungsstabilität und Leistungskontinuität in Training und Wettkampf unvereinbar gegenüber.


4.3 eigendynamischer Verlauf

Durch den eigendynamischen Verlauf in der Talententwicklung lassen sich Prognosen über die sportliche Leistungsentwicklung nicht, zumindest nicht auf einem gesicherten Niveau, stellen. Daher eignen sie sich auch nicht zu einer frühzeitigen Talentauswahl mit niedrigen Selektionsquoten.


4.4 biologische Systeme

Biologische Systeme verändern sich mit der Zeit durch äußere Einwirkungen und innere Vorgänge. Sie verlaufen nicht immer linear, sondern nach dem Konzept der vernetzten beziehungsweise funktionellen Kausalität.
Das Merkmal der Linearität kann man in der Talentförderung und -entwicklung nicht völlig ausschließen, es ist jedoch nur eines von fast unendlich vielen Merkmalen.

Talenterkennung & Talentförderung

5. Talentförderung

Die Talentförderung ist ein langfristiger, kontinuierlicher und systematisch-geplanter Trainingsprozess. Hierbei müssen die Trainer die allgemeinen Grundlagen der Trainingslehre berücksichtigen, gleichzeitig aber auch spezifisch auf jedes Talent eingehen, etwa auf sozialer, pädagogischer oder persönlichkeitsbildender Ebene, damit das individuelle Leistungsmaximum erreicht werden kann.
Die jungen Sportler müssen dazu ein gefestigtes Repertoire an Bewegungserfahrungen sammeln, die als Grundlage für spätere, spezialisierte motorische Lern- und Leistungsprozesse dienen. Neben dem Erlernen der „Idealtechnik“ muss das Spiel variantenreich ausgeprägt sein, damit verschiedene Strategien zur Lösung einer Aufgabe angewendet werden können. Im Tischtennis bedeutet dies, dass ein Sportler nicht nur den ideellen Bewegungsablauf beherrschen können muss, sondern auch über eine situationsabhängige und variable Anwendung verfügt (zum Beispiel: schnelle und langsame Schläge; diagonal und parallel; tischnah und in der Distanz; spielen mit viel und wenig Topspin; Ausführung von Schlägen aus einer nicht idealen Körperstellung zum Ball). Dieses vielseitige und reiche Spektrum an Bewegungserfahrung eignet sich ein Sportler sowohl über das Training als auch über Wettkämpfe an, doch es lässt sich durch ein systematisches Training gezielt fördern.
Wichtig ist eine gründliche und methodisch richtig aufgebaute Ausbildung, bei der die Kinder auf die Anforderungen und Belastungen des Leistungssports vorbereitet aber nicht überfordert werden. Entscheidend ist die richtige Dosierung von Trainingshäufigkeit, Trainingsumfang und Trainingsintensität. Gerade bei Kindern sollte das Verhältnis von Umfang und Intensität deutlich zu Gunsten des Umfangs ausfallen, denn eine geringe Intensität und eine hohe Wiederholungszahl fördern die körperliche Anpassung. Mit fortschreitendem Alter können dann zunehmend Trainingseinheiten mit größerer Intensität durchgeführt werden.
Die Trainingslehre definiert Trainingsreize nach den Merkmalen Reizumfang, -dichte, -dauer und -stärke. Trainingswirkungen treten nur dann ein, wenn sich der menschliche Organismus diesen Reizen anpasst. Diese Anpassung erfolgt aber flexibel (biologische Flexibilität des Menschen), besonders bei Kindern. Somit rufen identische (Trainings-) Reize nicht zwangsläufig identische Reaktionen (Leistungssteigungen) hervor.
Talentfördermaßnahmen sollten ab einem Alter von sechs bis acht Jahren beginnen. Der Schwerpunkt sollte auf der Ausbildung der koordinativen Fähigkeiten liegen, was durch ein abwechslungsreiches Training mit einer ständigen Veränderung der Bedingungen erreicht wird (siehe auch Kapitel „koordinative Fähigkeiten“).
Dieses Trainingsprinzip entspricht auch perfekt der kindlichen Erlebniswelt, die charakteristisch für diese Altersstufe ist (Mobilitätsbedürfnis). Nur ein attraktives und altersgemäßes Training, welches für die Kinder belastungsverträglich ist, erhält bei ihnen den Spaß am Sport und fördert die Motivation.
Ein monotones und langweiliges Training kann dagegen nicht nur uneffektiv sein, sondern kann für die Kinder sogar physiologisch und psychologisch belastend sein.
Nach neuesten Studien gibt es aber auch „eine erkennbare Tendenz zur besseren motorischen Lernleistung mit zunehmenden Alter (zwischen dem 10. und 16. Lebensjahr): Die Lerngeschwindigkeit verkürzt sich (…) beim Neulernen koordinativ orientierter Bewegungsfertigkeiten; und es wird auch in der höheren Altersstufe bei einheitlich definierter Lernzeit ein höheres Lernniveau erreicht.“ (Joch, W.; Ückert, S.: Grundlagen des Trainierens, Münster 1999, S. 297)
Wann genau mit dem (Leistungs-) Training begonnen werden soll, kann nicht eindeutig beantwortet werden und ist auch von Sportart zu Sportart unterschiedlich. Es hängt zum Beispiel von den biomechanischen Anforderungen der Sportart und den Belastungen auf den Bewegungsapparat ab, der beim Gewichtheben deutlich höher ist als etwa beim Fußballspielen. „Je stärker das motorische Anforderungsprofil koordinative Leistungsvoraussetzungen fordert, desto früher muss mit einem systematischen sportartenspezifischen Training begonnen werden.“ (Joch, W.; Ückert, S.: Grundlagen des Trainierens, Münster 1999, S. 298)
Im Tischtennissport sind sportartspezifische Trainingsinhalte noch deutlich vor der Pubertät unverzichtbar, weil es sich um eine koordinativ sehr anspruchsvolle Sportart handelt. Wer zu spät mit dem systematischen Training beginnt, hat später im Leistungssport keine Chance mehr auf Erfolg.
Beginnt man jedoch zu früh, kann auch dies negative Auswirkungen haben. Ist die Trainings- und Vorbereitungszeit auf den Leistungssport zu lang, kann dies für die Nachwuchsathleten zu einem psychologischen Hindernis werden, denn wenn den Kindern das angestrebte Ziel, der Leistungssport, zu lange vorenthalten wird, verlieren sie mit der Zeit die Lust, weiterhin konzentriert und mit großem Aufwand auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Zu frühe und zu intensive Belastungen im physischen wie psychischen Bereich führen nämlich zu einem Phänomen, das umgangssprachlich als „Ausbrennen“ bezeichnet wird. Richard Prause beschreibt dieses Problem als ein „gefährliches Spannungsfeld zwischen frühzeitigem Burnout und guter Ausbildung“. (Richard Prause, dts 10/2003, S.10) Dies ist vielleicht auch ein Grund, mit dem sich die hohen Aussteigerquoten (Dropout) in vielen Sportarten erklären lassen.
Da viele Talente gegen gleichaltrige Gegner spielerisch und ohne großen Aufwand gewinnen, „obwohl Defizite in puncto Konzentrationsfähigkeit, Disziplin und Kampfkraft bestehen“ (Matthias Ernst, dts 10/2003, S.13), sollten sie bereits früh Erfahrungen gegen ältere Spieler oder Erwachsene sammeln, damit sie nicht unterfordert werden.


6. Talentförderung in Schule und Verein

Die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zwischen Schule und Sportverein in Bezug auf eine Talentförderung sind begrenzt.
Zum einen zeitlich auf die frühen Altersstufen. Zum anderen örtlich auf einen Sportverein in der näheren Umgebung der Schule und inhaltlich auf eine Einführung und Vorbereitung auf eine spezielle Sportart.
„In der Schule wird Sport nicht in erster Linie betrieben, sondern vermittelt – und zwar über methodisch-strukturiertes Lernen“. (Baur, J.; Brettschneider, W.D.: Schulsport und Sportverein: Plädoyer für neue Formen einer alten Beziehung. IN: Sportunterricht 39/2, 1990, S.49) Dagegen ist der Sportverein eine freiwillige Interessengemeinschaft gleichgesinnter Personen.
Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, welche Talentfördermaßnahmen eine Schule anbieten kann, die qualitativ und quantitativ den Ansprüchen einer Förderung von sportlichen Talenten genügen?
Eine Chance besteht darin, dass ein Lehrer, der selbst aus dem Leistungssport kommt oder über eine entsprechende Trainerausbildung in einer Sportart verfügt, und an einer Schule die Talente im Sportunterricht oder vor allem in Arbeitsgruppen am Nachmittag gezielt fördert.
Hierzu müssen aber auch entsprechende Trainingspartner vorhanden sein und die Maßnahmen müssen sich über einen adäquaten Zeitraum erstrecken, sowohl was die Trainingsstunden pro Woche betrifft als auch den langfristigen Trainingszeitraum.
Ziele und der gesellschaftliche Auftrag von Schule und Sportverein sind verschieden, doch es existieren auch Schnittmengen. Entscheidend ist die Ausbildung der Personen, die die Talente betreuen. Zu bedenken ist hierbei, dass an einer Schule professionell ausgebildete Akademiker arbeiten, wogegen man es im Sport häufig mit qualifizierten Laien zu tun hat, die ehrenamtlich arbeiten. Trotzdem sind gerade diese engagierten Ehrenamtler (Trainer, Übungsleiter) nicht per se schlechter qualifiziert als Lehrer. Ganz im Gegenteil, wenn es sich um eine einzige sportliche Disziplin handelt, die sie vielleicht selbst seit vielen Jahren betreiben und in der sie sich durch Aus- und Weiterbildungen ein großes Wissen angeeignet haben.
Was ihnen jedoch häufig fehlt, sind die pädagogischen Grundlagen des Trainings. „Die Pädagogik kann sich aus der Verantwortung für Kinder, die Leistungssport treiben oder sich in der Vorbereitung darauf befinden, nicht heraushalten. Auch Talente haben Anspruch auf Unterstützung, auf Hilfe und Förderung derjenigen, die für sich reklamieren, als Pädagogen verantwortungsbewusst zu handeln. Insofern ist der Kinderleistungssport, auch die Talentförderung als ein Element davon, eine pädagogische Herausforderung.“ (Joch, W.; Ückert, S.: Grundlagen des Trainierens, Münster 1999, S. 307)
Talentförderung ist deswegen aber noch keine pädagogische Veranstaltung, sondern folgt den Regeln des Leistungssports. Trotzdem benötigt die Talentförderung eine pädagogische Begleitung, denn die Talente befinden sich in der Regel im (frühen) Kindesalter. Und Vereine sind – im Gegensatz zu Schulen – keine pädagogischen Einrichtungen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass bei einer Kooperation zwischen Schule und Sportverein im Wesentlichen drei Punkte betrachtet werden müssen:
• Die Zuständigkeit für die Förderung eines Talents muss beim Sportverein liegen, allein schon wegen der Organisation des Sportsystems in der Bundesrepublik Deutschland.
• Beide Seiten müssen anerkennen, dass Sportunterricht und Training zwei unterschiedliche Möglichkeiten sind, mit dem Thema Sport umzugehen. Wollen Lehrer Talente fördern, so müssen sie sich Trainingserfahrung aneignen, da die Prinzipien des Sportunterrichts nicht einfach auf das (Wettkampf-) Trainingübertragen werden können.
• Die Schule muss ihr Pädagogikverständnis mit dem Leistungssport in Einklang bringen.


7. Vielseitigkeit und Spezialisierung im Trainingsprozess

Der Begriff der Spezialisierung hat gerade in den letzten Jahren einen negativen Beigeschmack erhalten. Vielleicht, weil man in den Medien häufig Bilder zu sehen bekommt, wie Kinder in aufstrebenden Sportnationen regelrecht zu Höchstleistungen gedrillt werden und dieses Training nicht mit der in Westeuropa verbunden Haltung eines kindgerechten Aufwachsens in Einklang gebracht werden kann.
Spezialisierung darf nicht einen verfrühten und einen nicht kindgerechten Einstieg in das Leistungs- und Hochleistungstraining bedeuten. Hiermit wäre die Gefahr einer körperlichen und geistigen Überforderung verbunden und damit auch einem verfrühten Karriereabbruch.
Positiv betrachtet bedeutet Spezialisierung, keine Allroundsportler auszubilden, sondern die sport- und leistungsbezogene Universalität zielgerichtet einzugrenzen. Spezialisierung ist im Trainingsprozess jedoch unverzichtbar, wenn es ein Sportler an die nationale oder internationale Spitze schaffen soll.
„Nur durch die dauerhafte Beschäftigung mit sehr wenigen sportlichen Aktivitäten kann ein so hohes Leistungsniveau erreicht werden, das von Leistungs- und Spitzensport die Rede sein kann. Das bedeutet keine frühe Spezialisierung, sondern Spezialisierung auf der Grundlage einer breiten motorischen Grundlagenausbildung.“ (Krüger, A.: Trainer brauchen Pädagogik. IN: Leistungssport 19/5, 1989, S.32)
Dabei kann man aber nicht pauschal ein Alter festlegen, bei dem mit der Spezialisierung begonnen werden soll oder prozentuell errechnen, wie viel Trainingszeit eher der Vielseitigkeit und wie viel der Spezialisierung zu Gute kommen sollte. Hier ist der Trainer gefragt, der seinen Sportler kennt und in der Regel langjährige Erfahrungen gesammelt hat. Er muss letztendlich entscheiden, wie er die Trainingsschwerpunkte legt.
Der beste Weg der Leistungsentwicklung verläuft von einer breit angelegten allgemeinen Ausbildung (Vielseitigkeit) hin zu einer Ausbildung mit sportartenspezifischen Trainingsinhalten (Spezialisierung). Dabei kommt es zu einer allmählichen Konzentration auf das, was verbessert und optimiert werden soll.


8. Problem des Dropouts

Talente, die früh hohe sportliche Leistungen erbringen und große Erfolge erzielen, bleiben ihrem Sport häufig nicht treu. Gerade wenn es im Teenageralter zu Übergängen aus dem Schüler- in den Jugendbereich oder dem Jugend- in den Erwachsenenbereich kommt, beenden viele Kinder ihre noch junge Laufbahn.
Entweder wechseln sie in eine andere Sportart (Fluktuation) oder kehren dem organisierten Vereins- und Wettkampfsport gänzlich den Rücken (Dropout). Auch in den Stützpunkten und Nachwuchskadern kommt es zu einem häufigen Wechsel der Personen, denn nur ein geringer Prozentsatz schafft es, sowohl im Nachwuchsbereich als auch später im Jugend- und Seniorenbereich, zu den Besten zu gehören.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Neben sportbezogenen Gründen wie fehlende Trainingsmotivation, fehlende Trainingsmöglichkeiten (zum Beispiel durch die Verlegung oder Auflösung eines Stützpunktes, mangelnde ebenbürtige Trainingspartner), ausbleibende Wettkampferfolge (und damit verbunden die Streichung aus Kadern oder Stützpunkten) oder Verletzungen, spielen auch nicht-sportbezogene Gründe wie Persönlichkeitsveränderungen in der Pubertät, andere Freizeitinteressen, Veränderungen in der Familie (Scheidung, Umzug) oder ein höherer Zeitaufwand für Schule, Studium, Lehrstelle oder Beruf eine entscheidende Rolle.
Nur etwa ein Drittel der Nachwuchssportler behält unbeirrt sein Ziel im Auge und lässt sich auch durch oben genannte Schwierigkeiten nicht vom Leistungssport abbringen.


9. Checkliste Talentförderung

• körperliche und geistige Voraussetzungen
• konditionelle und koordinative Fähigkeiten
• Motivation, Leistungsbereitschaft, Disziplin
• soziales Umfeld (Eltern, Familie, Freunde, Schule)
• sportmotorische Tests durchführen
• Beobachtung bei Bewegungsaufgaben
• gute Leistungen (Wettkämpfe) im frühen Kindesalter und schnelle Leistungssteigerungen
• langfristige und systematische Trainingsplanung (Weiterbildung des Trainers)
• Talentfördermaßnahmen ab einem Alter von 6 bis 8 Jahren beginnen
• Umfang vor Intensität
• Schwerpunkt ist die Ausbildung der koordinativen Fähigkeiten
• mit tischtennisspezifischem Training deutlich vor der Pubertät beginnen
• von einer breit und vielseitig angelegten Ausbildung hin zu einer sportartspezifischen Spezialisierung
• pädagogische Begleitung des Kindes (soziale Verantwortung)
• gemeinsam mit dem Kind die sportlichen Ziele definieren
• an Wettkämpfen (Meisterschaftsspiele, Ranglisten, Meisterschaften) teilnehmen lassen
• für entsprechende Trainingszeiten und Trainingspartner sorgen (eventuell gegen ältere Spieler oder Erwachsene trainieren lassen oder bei einem anderen Verein mittrainieren)
• eventuell mit Stützpunkttrainern sprechen und zum Probetraining gehen
• eventuell Kooperation mit Schule eingehen

© 2006 - 2010 by Marcel und Maurice Sillus