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Wahrnehmung & Antizipation

Tischtennis wird häufig als die schnellste Ballsportart der Welt bezeichnet. Zwar erreicht etwa ein Tennis- oder Badmintonball höhere Geschwindigkeiten, doch auf Grund der Größe des Feldes und der Entfernung zum Gegner bleibt den Sportlern bei diesen Rückschlagspielen mehr Zeit, auf den Schlag des Gegners zu reagieren. Außerdem nimmt die Ballgeschwindigkeit - etwa die eines Badmintonballs - schneller ab als die eines Tischtennisballs.
Beim Tischtennis muss sich der Spieler wegen der hohen Ballgeschwindigkeiten und des kurzen Ballwegs häufig bereits für einen Rückschlag entscheiden, bevor der Ball den gegnerischen Schläger verlassen hat.
Der Spieler nimmt also seinen Gegenüber wahr und erkennt anhand bestimmter Signale des Gegners (Körperstellung, Stellung zum Tisch, Armzug, Schlägerstellung) seine Absichten. Dadurch kann er bereits früh die Flugrichtung und Flugkurve, die Geschwindigkeit und die Rotation des Balles erahnen.

Wahrnehmung und Antizipation stehen in einem engen Zusammenhang. Eine gute Antizipation ist nur durch eine gute Wahrnehmung möglich, was wiederum andere Faktoren voraussetzt, etwa eine hohe Konzentration, eine gute Sehleistung der Augen, Spielerfahrung und theoretisches Grundwissen.


1. Die Wahrnehmung
1.1 Der Wahrnehmungsprozess
2. Die Sinnessysteme
2.1 visuelles System
2.2 auditives System
2.3 haptisch-taktiles System
2.4 kinästhetisches System
2.5 vestibuläres System
2.6 gustatorisches System
2.7 olfaktorisches System
3. Bestandteile der Wahrnehmung
4. Die allgemeine Schulung der Wahrnehmung
4.1 Beispiele für kindgerechte Ballspiele
5. Die spezielle Schulung der Wahrnehmung beim Tischtennistraining
5.1 Beispiele für das Tischtennistraining
6. Die spezielle Schulung der Wahrnehmung beim Aufschlag
7. Die Antizipation
7.1 Die Vermittlung kognitiver Fähigkeiten
7.2 Der Ablauf der Antizipation
7.3 Die Komponenten der Spielhandlung
7.4 Wahrnehmungs- und Erfahrungsantizipation
7.5 Übungen zur Verbesserung der Antizipation
8. Die Reaktion
8.1 Die allgemeine Schulung der Reaktion
8.2 Beispiele für kindgerechte Ballspiele
8.3 Die spezielle Schulung der Reaktion beim Tischtennistraining


1. Die Wahrnehmung

Das Wort Wahrnehmung kommt vom althochdeutschen „wara neman“, was soviel bedeutet wie: einer Sache Aufmerksamkeit schenken.

1. Wahrnehmung ist ein Prozess, in dem Sinnesempfindungen, Gedächtnisinhalte, Interessen und Gefühle sowie Erwartungen zu entscheidungs- und handlungsverwertbaren Informationen organisiert werden.

2. Unter Wahrnehmung versteht man den Prozess der Informationsaufnahme aus Umwelt- und Körperreizen (äußere und innere Wahrnehmung) und der Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung dieser Reize im Gehirn.
In diesen Prozess gehen individuelle Erfahrungen, Erlebnisse und Bewertungen ein. In der Regel folgen der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen Reaktionen in der Motorik oder im Verhalten eines Menschen, die wiederum zu neuen Wahrnehmungen führen.

Wahrnehmung ist ein komplexer psychischer Vorgang und mehr als ein rein mechanisches Funktionieren der einzelnen Sinne. Die unendliche Fülle an Reizen kann nicht gleichzeitig verarbeitet werden und daher findet immer eine subjektive Selektion statt, die die Aufmerksamkeit auf bestimmte Reize lenkt.
Beeinflussende Faktoren sind bei dieser Selektion meist gespeicherte Erfahrungen, Aufmerksamkeit, Interesse und emotionale Befindlichkeit.


1.1 Der Wahrnehmungsprozess - Wie funktioniert die Wahrnehmung?

Wahrnehmung beginnt mit der Sinneserfahrung, sie schließt jedoch auch eine Vielzahl anderer Prozesse mit ein. Die Informationen aus der Umwelt müssen ausgewertet werden, damit sie uns etwas sagen.
Dies geschieht auf den drei verschiedenen Stufen des Wahrnehmungsprozesses:
• Empfinden
• Organisieren
• Identifizieren und Einordnen (im Sinne von wieder erkennen)

Empfinden bezieht sich auf die Umwandlung physikalischer Energie in neural kodierte Informationen, die vom Gehirn weiterverarbeitet werden können.
Auf der nächsten Stufe, der Organisation der Wahrnehmung (perzeptuelle Organisation), wird eine innere Repräsentation des Objekts oder Ereignisses aufgebaut und ein Perzept des äußeren Reizes gebildet.
Beim Identifizieren und Einordnen werden dann den Perzepten Bedeutungen zugeordnet.


Der Verlauf des Wahrnehmungsprozesses

Wahrnehmungsprozess

2. Die Sinnessysteme

Die Wahrnehmung erfolgt über die Sinnessysteme des Menschen.
Diese sind:

1. visuelles System (Sehsinn)
2. auditives System (Hörsinn)
3. haptisch-taktiles System (Hautsinn / Tastsinn)
4. kinästhetisches System (Gelenkstellungen & Muskelanspannung)
5. vestibuläres System (Gleichgewichtssinn)
6. gustatorisches System (Geruchsinn)
7. olfaktorisches System (Geschmacksinn)


2.1 visuelles System

Der Sehsinn ist der komplexeste, am weitesten entwickelte und wichtigste aller Sinne des Menschen. Bereits in der Evolution brachte ein guter Sehsinn Vorteile, denn Lebewesen mit einem guten Sehvermögen konnten sowohl Beute als auch Verfolger bereits aus der Ferne erkennen. Dem Menschen erlaubt ein gut entwickelter Sehsinn, Änderungen in der Umwelt sofort zu registrieren und sein Handeln darauf einzustellen.
Ohne den Sehsinn ist überhaupt kein Tischtennisspiel möglich. Somit ist er von allen Sinnen mit Abstand der wichtigste, denn der Spieler kann über den Sehsinn das Spielgeschehen „lesen“S.
Das Sehen kann daher auch nicht auf das Aufnehmen und Verarbeiten von optischen Eindrücken reduziert werden. In das Sehen gehen Interessen, Gewohnheiten, Erfahrungen, Gefühle und persönliche Sichtweisen mit ein. Der Sportler wählt also aus der Fülle an Reizen das aus, was für ihn von Bedeutung ist.


2.2 auditives System

Über das auditive System kann man Töne, Geräusche und Klänge wahrnehmen und unterscheiden. Durch das Gehör kann die Entfernung und Richtung eines Reizes bestimmt werden. Das Ohr des Menschen hat zudem die Fähigkeit, einzelne Geräusche aus einer vielfältigen Geräuschkulisse selektiv herauszuhören.
Der Gehörsinn liefert dem Spieler Informationen, wie der Ball auf dem eigenen Schläger und auf dem Schläger des Gegners auftrifft.
Beim eigenen Schlag ist das Treffgeräusch eine Kontrolle über die Schlagausführung, zum Beispiel, ob der Ball tangential oder zentral getroffen wurde.
Beim Gegner gibt das Treffgeräusch ebenfalls darüber Aufschluss, ob er den Ball eher zentral oder tangential getroffen hat. Dadurch weiß man, ob man sich auf einen schnellen Ball mit wenig Rotation oder auf einen langsameren Ball mit mehr Rotation einstellen muss.
Auch ob der Gegner den Ball mit der Schlägerkante trifft, ist deutlich zu hören.
Außerdem kann man zum Teil durch das Aufstampfen der Füße oder Quietschgeräusche der Turnschuhe auf dem Hallenboden hören, ob und wohin sich der Gegner bewegt.


2.3 haptisch-taktiles System

Die taktilen Reize, die den Körper erreichen, werden durch die Haut aufgenommen. Aus diesem Grund nennt man die Haut auch das größte sensorische Organ des Körpers.
Die Haut verleiht dem Menschen die Fähigkeit, Temperaturunterschiede, Schmerzen, Spannung, Druck und Berührungen wahrzunehmen.
Die Rezeptoren für diese Empfindungen liegen in der Oberhaut und in der Lederhaut und sind unterschiedlich dicht verteilt. An den Fingern und an der Zungenspitze sind die Rezeptoren sehr dicht angeordnet (Abstand: 1 bis 5 Millimeter), am Rücken liegen sie dagegen recht weit voneinander entfernt, was man durch einen einfachen Test sehr leicht selbst herausfinden kann (Test: an einem Zirkel den Abstand der Nadel und der Mine verstellen und leicht auf den Finger und danach auf den Rücken drücken; nun muss festgestellt werden, ob man einen oder zwei Druckpunkte spürt).
Der Hautsinn beziehungsweise Tastsinn gibt dem Tischtennisspieler über Berührung und Druck Informationen darüber, wie seine Schlägerhaltung ist.
Das Auftreffen des Balles spielt eine - im Gegensatz zum Tennis - untergeordnete Rolle, da der Ball ein sehr geringes Gewicht (circa 2,7 Gramm) hat und die Kontaktzeit auf dem Schläger extrem kurz ist (1/500 bis 1/1000 Sekunde).


2.4 kinästhetisches System

Die kinästhetische Wahrnehmung umfasst die Empfindung von Bewegungen des eigenen Körpers oder einzelner Körperteile untereinander und den dabei auftretenden Kraftleistungen. Es geht also um die Wahrnehmung von Kraft-, Spannungs-, Raum- und Zeitverhältnissen der eigenen Bewegung.
Die Bewegungswahrnehmung erfolgt über Muskeln, Sehnen und Gelenke. Über die so genannten Propriozeptoren (lat. „proprius“ - der Eigene) werden dem Gehirn Informationen über die Muskelspannung und die Stellung der Gelenke zum Körper vermittelt.
Die Propriozeptoren nehmen nur die Reize aus dem eigenen Körper wahr, nicht aber Reize aus der Umgebung.
Somit weiß der Spieler anhand der Informationen, wie und wohin er den Ball geschlagen hat und wie seine jeweilige Körperhaltung ist.


2.5 vestibuläres System

Die vestibuläre Wahrnehmung ist für die Gleichgewichtsregulierung des Körpers verantwortlich. Die Gleichgewichtserhaltung ist ein sehr komplexer Vorgang, an dem mehrere Sinne Anteil haben.
Die Rezeptoren, die das Gleichgewicht aufrechterhalten, befinden sich im Innenohr, so dass das Ohr häufig als Gleichgewichtsorgan bezeichnet wird. Das Organ wird als Vestibularapparat bezeichnet, weil es im Vorhof (lat. „vestibulum“) des inneren Ohres zwischen den Felsenbeinen liegt.
Das vestibuläre System gibt Auskunft über die Lage des Körpers im Raum, über die Auswirkungen der Schwerkraft (Gravitationskraft), auf die Lage des Körpers im Raum und schließlich über die Schnelligkeit der Bewegungen.
Die Gleichgewichtserhaltung kann in drei Gleichgewichte unterteilt werden:
• statisches Gleichgewicht
• dynamisches Gleichgewicht
• Objektgleichgewicht

Zum einen in das statische Gleichgewicht, welches versucht, das Gleichgewicht im Stand zu halten.
Zum Zweiten in das dynamische Gleichgewicht, das versucht, das Gleichgewicht während eines Bewegungsablaufes aufrecht zu halten.
Drittens, das so genannte Objektgleichgewicht, welches das Balancieren von Materialien in Verbindung mit dem statischen und dynamischen Gleichgewicht beinhaltet.

Beim Tischtennissport gibt der Gleichgewichtsinn dem Spieler während eines Ballwechsel (und natürlich auch in der übrigen Zeit) Informationen zur räumlichen Orientierung seines Körpers, ob sich sein Körper im Gleichgewicht befindet, aus dem Gleichgewicht gerät oder ob der Körper wieder zurück ins Gleichgewicht findet.


2.6 gustatorisches System

Der Geschmacksinn ist beim Tischtennis nicht von Bedeutung.


2.7 olfaktorisches System

Der Geruchsinn ist beim Tischtennis ebenfalls nicht von Bedeutung.


3. Bestandteile der Wahrnehmung

Bestandteile, auf die ein Tischtennisspieler seine Wahrnehmung lenken muss:
• den Ball
• die eigene Position zum Tisch
• den Gegner und seine Position zum Tisch

Bestandteile, die ein Spieler ausblenden sollte, da sie unveränderlich sind:
• Sporthalle (Farbe des Bodens oder der Wände, Werbeplakate, Tribüne)
• Umrandungen (Werbung und Aufdrucke)
• Schiedsrichter und Schiedsrichtertisch
• Zuschauer
• Schiedsrichter
• Trainer


4. Die allgemeine Schulung der Wahrnehmung

• Aufmerksamkeit auf ein hohes Niveau bringen
• Motivation der Trainierenden erhöhen
• erklären, worum es bei dem Spiel oder der Übung geht
• allgemeinsportliche Bewegungsabläufe beobachten und darauf reagieren
• Kinder sollen Erfahrungen mit Bewegungen ihrer Mitspieler sammeln, diese beobachten und darauf reagieren
• verschiedenste Bälle fangen und auf die entsprechenden Ballwürfe reagieren (Einklang mit koordinativen Training, zum Beispiel Differenzierungsfähigkeit)
• kindgerechte Ballspiele


4.1 Beispiele für kindgerechte Ballspiele

1. „Wildschweinrennen“: Die Kinder sollen bei diesem Spiel einen Mitspieler mit Bällen abwerfen. Der Mitspieler, das Wildschwein, trägt ein Schutzschild, etwa eine Gymnastikmatte, welches möglichst nicht getroffen werden darf.
Für Anfänger besteht ein hoher Schwierigkeitsgrad, da die Wahrnehmung der Würfe der Mitspieler unter Zeitdruck stattfindet.

2. „Spießrutenläufer“: Ein Spieler muss durch ein Spalier laufen und wird dabei von beiden Seiten mit Softbällen beworfen, denen er ausweichen muss.

3. „Völkerball“: Die Regeln dürften allgemein bekannt sein.
alternativ: mehrere Bälle verwenden oder einen Luftballon ständig hochschlagen, wodurch der Zeitdruck erhöht wird. Außerdem sind mehrere Objekte vorhanden, die gleichzeitig wahrgenommen werden müssen.

4. „Passen und Fangen“: Zwei Mannschaften befinden sich in einem Feld. Eine Mannschaft wirft sich einen Ball untereinander zu und erhält pro gefangenen Pass einen Punkt. Die andere Mannschaft versucht die Pässe zu verhindern und selbst in Ballbesitz zu kommen, um dann selbst zu punkten.

5. „alle Rückschlagspiele“: Badminton, Squash, Tennis, Volleyball oder Tischtennis-Tennis eignen sich zur Verbesserung der Wahrnehmung.

Zur Verbesserung der Wahrnehmung sind häufige Veränderungen der Gegner oder der Spielsituationen (Regeln, Anzahl von Bällen, Größe des Spielfeldes) wichtig.


5. Die spezielle Schulung der Wahrnehmung beim Tischtennistraining

• Übungen mit Alternativen
• unregelmäßige Übungen
• kombinierte Übungen (Wechsel Vorhand und Rückhand)
• Aufschlag-Rückschlag-Übungen
• Wettkampfprinzip
• häufiges Wechseln der Gegenspieler
• spielen an Tischvariationen
• spezielle Übungen am Balleimer, zum Beispiel Platzierung oder Schlagart nach Ballfarbe oder Belagfarbe des Einspielers; auf verschiedene Handzeichen des Einspielers oder eines anderen Sportlers hinter dem Tisch achten


5.1 Beispiele für das Tischtennistraining

1. Tischvariationen

(siehe „Tischvariationen“ unter Trainings-Tipps)

Grabentisch

2. Wahrnehmungstraining am Balleimer:

• weiße Bälle parallel, gelbe diagonal spielen
• weiße Bälle Topspin, gelbe Schuss spielen
• Bälle kurz einspielen: weiße Bälle schupfen, gelbe flippen
• Einspiel mit beiden Belagseiten: roter Belag Topspin, weißer Ball parallel, gelber Ball diagonal; schwarzer Belag Schuss, weißer Ball diagonal, gelber Ball parallel


2.1 Wahrnehmungstraining am Balleimer mit Spielgegner:

• Zuspiel vom Einspieler immer in Vorhand; Gegenspieler positioniert seinen Schläger im Moment des Zuspiels in VH oder RH; der Spieler muss nun dahin spielen
• um Schwierigkeit zu erhöhen, das Zuspiel variieren (Unter- und Oberschnitt, Platzierung)
• zwei Gegenspieler für Übenden, die verschiedene Materialien haben, zum Beispiel lange oder kurze Noppen, Noppengummi, Anti; beide Spieler wechseln sich ständig ab; das Wissen über die Wirkungsweise der verschiedenen Materialien muss bei dieser Übung vorhanden sein

Balleimertraining

3. Wahrnehmungsschulung im Spiel gegeneinander:

• zwei Spieler spielen Vorhandkonter gegeneinander; eine dritte Person zeigt hinter einem der Übenden mit einer Hand verschiedene Zahlen an (Anzahl der Finger), die vom Spieler gerufen werden müssen
• zusätzlich noch rote oder schwarze Schlägerblattseite anzeigen (zum Beispiel: „rot 4“)


Übungen so gestalten, dass die Spieler im Laufe der Übung eine nicht vorhergesagte Handlung des Gegenspielers wahrnehmen müssen, die sie dann zu beantworten haben.
Übungen mit nicht vorhergesagten Handlungen:

1. halbregelmäßige Übungen: 2 bis 4 Ballwege vorgegeben, danach freies Spiel; bei der Schnittstelle zum freien Spiel muss auf den Gegner geachtet werden; seine nicht vorgegebene Handlung muss wahrgenommen und beantwortet werden;
um den Übergang vom regelmäßigen zum freien Spiel wahrnehmungsschulend zu verbessern, sollte es zu dem letzten vorgegebenen Ballweg einen Alternativ-Ballweg geben (der zu schulende Wahrnehmungsprozess setzt also erst im Übergang zum freien Spiel ein)

2. Übungen mit einer Alternative: kurze Aufschläge; alternativ: lang; Eröffnung in Vorhand oder Rückhand

3. Übungen mit mehr als einer Alternative: Schwierigkeitsgrad auf Grund der Komplexität erhöht; je nach Anzahl der Alternativen wird der Anspruch an die Wahrnehmungsleistung höher und höher

4. einfach unregelmäßige Übungen: Übungen, bei denen der Übende mit einer Seite, etwa der Vorhand, aus einen festgelegten Bereich des Tisches spielt, zum Beispiel 2/3 Vorhand

5. kombiniert unregelmäßige Übungen: unregelmäßiger Block in 2/3 Rückhand; der Übende muss nun entscheiden, wie und wohin der Ball in diesen festgelegten Bereich platziert wird, um dann zu entscheiden, ob er den Ball mit der Vorhand oder der Rückhand und mit welcher Schlagtechnik retourniert

6. Übungen mit Aufschlag - Rückschlag: wenn man diese Übungen unter dem Aspekt der Wahrnehmung spielt, muss es bereits für den Aufschlag mindestens eine Alternative geben; genauso sollte beim Rückschlag und beim Eröffnungsball verfahren werden.


6. Die spezielle Schulung der Wahrnehmung beim Aufschlag

Dem Aufschlag kommt im modernen Tischtennis eine herausragende Bedeutung zu.
Daher ist beim „Lesen“ eines Aufschlages wichtig, den Gegenspieler genau zu beobachten. Es muss darauf geachtet werden, wie der Gegner den Ball mit seinem Schläger trifft, wo er den Ball auf der eigenen Tischhälfte aufspringen lässt, welche Flugkurve der Ball hat und mit welcher Geschwindigkeit der Ball angeflogen kommt.
Um Anfängern oder auch fortgeschrittenen Spielern die Wahrnehmung von Aufschlägen zu erleichtern, bietet es sich an, erst einmal Rotation, Länge und Ballgeschwindigkeit deutlich zu machen.
Dies könnte beispielsweise so gemacht werden:
• Den Aufschlag auf ein Returnbrett spielen. Dabei ist deutlich zu sehen, welche und wie viel Rotation im Ball war.
• Aufschlagtisch steht in unmittelbarer Nähe zur Wand; Aufschlag wird isoliert trainiert; an der Richtung, in der der Ball an der Wand wegspringt, kann man auch die Rotationsrichtung und die Rotationsmenge erkennen.
• ein Stück Papier unmittelbar hinter das Netz legen; dieses Papier soll angespielt werden; alternativ dazu wird in einer Tischecke ein Gegenstand, etwa eine Filmdose oder Ballschachtel, aufgestellt, welcher heruntergeschossen werden soll.
• Die Spieler sollen im Wettkampf ihre Gegner vorher beobachten, um zu erkennen, an welchem Detail herauszulesen ist, ob der Aufschlag lang, kurz, mit viel oder mit wenig Rotation, in Vorhand oder Rückhand gespielt wird.
• Die Spieler müssen zu Beginn der Rückschlagschulung schon theoretisches Wissen über die Aufschlagsystematik bekommen, um die verschiedenen Faktoren überhaupt einschätzen zu können.

Ein Spieler soll also bewusst lernen, wie er verschiedene Aufschläge erlernen soll, aber auch, wie er verschiedenste Aufschläge annehmen kann. Daher wird jedem Spieler geraten, seine verschiedenen Aufschläge aus dem gleichen Grundbewegungsmuster herzuleiten, um den Gegner möglichst wenig Anhaltspunkte zu geben, seinen Aufschlag rechtzeitig lesen und wahrnehmen zu können.


7. Die Antizipation

1. Auf Erfahrung und aktuelle Wahrnehmung gegründete gedankliche beziehungsweise vorstellungsmäßige Vorwegnahme zukünftigen Geschehens.

2. Antizipation kann als die Fähigkeit definiert werden, sich nicht nur zukünftige Situationen vorzustellen, sondern in diesen auch dementsprechend wirksam zu werden.
(Brechbühl, 1992)

Nach Brechbühl basiert die Antizipation auf der genauen Beobachtung einer Situation, eines Gegners und eines Spielgerätes. Dabei müssen Informationen wahrgenommen und verarbeitet werden. Zudem muss der Sportler, unter allen gelieferten Informationen, die er zu verarbeiten hat, eine Wahl treffen.


7.1 Vermittlung kognitiver (theoretischer) Fähigkeiten

Antizipation ist eine Fähigkeit, die mit theoretischem Wissen äußerst positiv ergänz werden kann, denn in vielen Spielsituationen muss der Spieler gar nicht mehr antizipieren. Er kann stattdessen sein kognitives Wissen einsetzen, was ihm hilft, verschiedene Handlungen beim Gegner schon im Voraus auszuschließen, zum Beispiel Platzierungsmöglichkeiten, die er in seinem Antizipationsprozess nicht mehr berücksichtigen muss.


Die Vermittlung kognitiver Fähigkeiten lässt sich folgendermaßen schulen:

• Theorieunterricht mit anschließenden praktischen Übungen
• Beobachtungsaufgaben, etwa Beobachtungen des nächsten Gegners
• Videoanalyse: das Video kurz vor Schlag anhalten; Sportler sollen nun prognostizieren, welcher Schlag mit welcher Schlagrichtung folgen wird
• Statistiken über Aufschlagplatzierungen bei Gegnern führen
• Rotationsgrammatik in der Theorie vermitteln
• allgemeine taktische Kenntnisse vermitteln (zum Beispiel Grundtaktik gegen Material, gegen Vorhand- oder Rückhanddominanz)
• Taktikbuch führen
• taktische Denkspiele, etwa die Entwicklung von Strategien für das Spiel gegen den nächsten Gegner
• taktische Übungen mit offener Aufgabenstellungen
• bewusste Reflexion über gespielte Ballwechsel, etwa bei einer Videoanalyse
• Materialkunde


7.2 Der Ablauf der Antizipation

• Wahrnehmung
• Verarbeitung der Informationen
• Reaktionsauswahl
• Reaktion


7.3 Die Komponenten der Spielhandlung

• Analyse der Spielsituation
• Antizipationsphase
• Wahrnehmung
• Entscheidung
• Realisierung / Ausführung
• Interpretation / Realisierungskontrolle

Zielsetzung des Trainings am Tisch ist die Entwicklung und ständige Verbesserung von
• Wahrnehmungsleistungen,
• Antizipationsleistungen,
• Entscheidungsleistungen und
• Aktionsleistungen,
die dazu befähigen, sich an variable Spielsituationen anzupassen und entsprechende Lösungen kognitiver und motorischer Art zu realisieren.


7.4 Wahrnehmungs- und Erfahrungsantizipation

Beim Tischtennis kann man zudem die Wahrnehmungsantizipation und die Erfahrungsantizipation voneinander unterscheiden:

1. Wahrnehmungsantizipation

• Wahrnehmung der Flugbahn
• Wahrnehmung der Geschwindigkeit
• Wahrnehmung der Richtung


2. Erfahrungsantizipation

• Auswirkung der Rotation des Balles auf dem Tisch und dem Schläger
• das Wissen, in welchem Winkel der Schläger gehalten werden muss
• das Wissen, wie sich der Gegner bewegen wird (Laufwege)
• das Wissen, wie der Gegner den eigenen Ball retournieren wird


7.5 Übungen zur Verbesserung der Antizipation

1. Einfache Übung: Zwei Akteure spielen eine einfache Übung (regelmäßig) gegeneinander. Ein Spieler hält dabei die freie Hand hoch und zeigt jeweils unterschiedlich viele Finger. Der andere Spieler muss nun kurzzeitig seinen Blick vom Ball lösen und die Anzahl der Finger nennen.
alternativ: Die Zahlen der gezeigten Finger müssen bei der gleichen Übung kontinuierlich addiert werden.

2. Balleimer: Beim Balleimertraining ruft der Trainer dem Spieler kurz vor dem auszuführenden Schlag die Schlagtechnik zu, so dass dieser schnell reagieren muss.
alternativ: Der Trainer ruft die Platzierung (Vorhand, Mitte oder Rückhand) zu.

3. Balleimer: Unterschiedliches Einspielen beim Balleimertraining (Unterschnitt und Oberschnitt, kurz und lang), wobei der Spieler jeweils mit einem bestimmten Schlag auf die Bälle des Trainers antworten muss, etwa Flip auf kurz eingespielte Bälle.


8. Die Reaktion

Schnelle Einleitung und Ausführung zweckmäßiger kurzzeitiger motorischer Aktionen auf ein Signal.
(Meinel; Schnabel, 1987)


8.1 Die allgemeine Schulung der Reaktion

Um die Reaktion zu schulen, kann man sich der Schulung der Reaktionsfähigkeit als koordinative Fähigkeit bedienen. Dies funktioniert ebenfalls durch kindgerechte Spiele.


8.2 Beispiele für kindgerechte Spiele

1. „Ballraub“: alle Spieler dribbeln einen Ball; ein Spieler ohne Ball versucht nach und nach den anderen Spielern die Bälle wegzuschnappen; Spieler, die keinen Ball mehr haben, werden ebenfalls zu Fängern.

2. „Freier Fall“: ein Spieler steht mit ausgebreiteten Armen einem anderen gegenüber; in jeder Hand einen Tischtennisball; dann lässt er einen Ball fallen; der andere Spieler muss nun den Ball fangen oder schlagen, bevor er zum zweiten Mal auf dem Boden auftickt

freier Fall

3. „Schwarz und Weiß“: an der Hallenmitte sitzen jeweils zwei Spieler mit dem Rücken zueinander; die eine Seite ist die Gruppe „Schwarz“, die andere die Mannschaft „Weiß“; auf Zuruf „Schwarz“ müssen dann alle Spieler dieser Gruppe versuche, ihren Gegenüber bis zur Stirnseite der Halle einzufangen; alternativ: verschiedene Startpositionen


8.3 Die spezielle Schulung der Reaktion beim Tischtennistraining

1. Balleimer: hohe Zuspielfrequenz; der Spieler soll möglichst auf alle Bälle eine passende Antwort finden.

2. Balleimer: Ein Spieler steht mit dem Rücken zum Tisch. Der Zuspieler wählt das indirekte Zuspiel. Beim Aufspringen des Balles muss der Spieler sich umdrehen und den Ball nach besprochener Vorgabe zurückspielen.

3. Balleimer: Ein Spieler darf den Ball überall hinziehen, der andere blockt den Ball immer in die Mitte zurück.

© 2006 - 2012 by Marcel und Maurice Sillus