Theorie
Der Schwede Jan Ove Waldner, der von vielen Fans und Experten für den besten Tischtennisspieler aller Zeiten gehalten wird, antwortete einmal auf die Frage, was ihn so sehr am Tischtennissport fasziniert: „Tischtennis ist unheimlich schnell und unheimlich kompliziert.“
Weil Tischtennis so kompliziert ist, sollte jeder Spieler – egal ob jung oder alt – über ein theoretisches Grundwissen verfügen, wodurch das Spiel für ihn verständlicher wird und wodurch er persönliche Vorteile für sein eigenes Spiel ziehen kann.
Beim Tischtennis kommt es nicht nur darauf an, die einzelnen Schläge korrekt zu beherrschen, man muss auch die Platzierung, das Tempo, die Rotation und die Flughöhe (PTRF-Effekte) der ankommenden Bälle richtig einschätzen können. Erst dann kann man den bestmöglichen Rückschlag auswählen. Dazu ist eine gute Wahrnehmung und Antizipation nötig, die in engem Zusammenhang mit Spielerfahrung, taktischem Wissen und Materialkunde steht.
• 1. Reaktionszeit
• 2. Ball-Schläger Kontakt
• 3. Technik im Tischtennissport
• 4. PTRF-Effekte
• 4.1 Platzierung
• 4.2 Tempo
• 4.3 Rotation
• 4.4 Flugbahn
• 5. Magnus-Effekt
1. Reaktionszeit
Die Reaktionszeit des Menschen beträgt etwa 0,15 bis 0,20 Sekunden. Diese Zeit benötigt er, um auf einen Reiz zu reagieren.
Bei einem optischen Reiz (Flugbahn des Balles) liegt die Reaktionszeit bei circa 0,2 Sekunden und bei einem akustischen Reiz (Balltreffpunkt) bei circa 0,15 Sekunden.
Im Gegensatz zu anderen Sportarten, wo man etwa beim 100-Meter-Lauf auf ein akustisches Startsignal wartet, um dann loszulaufen (Einfach-Reaktion), muss man beim Tischtennis immer eine Alternativentscheidung (Mehrfach-Reaktion) treffen, zum Beispiel, ob man den ankommenden Ball mit der Vorhand- oder Rückhandseite returniert.
Da man beim Tischtennisspielen hauptsächlich auf optische Reize reagiert und man immer Alternativentscheidungen treffen muss, liegt die durchschnittliche Reaktionszeit eines Tischtennisspielers bei etwa 0,25 Sekunden. Durch spezifisches Training – vor allem im Spitzenbereich – lässt sich die Reaktionszeit auf etwa 0,18 Sekunden verringern.
2. Ball-Schläger-Kontakt
Die Kontaktzeit des Balles auf dem Schläger liegt lediglich bei 1/500 bis 1/1000 Sekunde. Dabei verformt sich der Ball um bis zu 25 Prozent.
Der Ball wird je nach Schlagart zwischen null und einem Zentimeter geführt, je länger desto härter der Schlag ist, denn hierbei verformt sich der Ball stärker.
Ein optimal angeschnittener Ball dreht sich bis zu 150mal pro Sekunde. Hochgerechnet wären dies 9000 Umdrehungen pro Minute.
3. Technik im Tischtennissport
Die Technik spielt im Tischtennis eine wichtige Rolle. Man darf hierbei aber nicht vergessen, dass nur das Erzielen von Punkten beim Tischtennisspielen von Bedeutung ist. Es gibt nicht wie in anderen Sportarten eine B-Note für die Ausführung der Schläge.
Die Technik ist nur ein Mittel zum Zweck, um Punkte zu erzielen und um auf alle Schläge des Gegners eine passende Antwort zu haben.
Zwar gibt es eine Idealvorstellung jeder Schlagtechnik, doch diese verändert sich im Laufe der Zeit und Entwicklung. Zum Beispiel wurden die Schlagbewegungen auf Grund der schnelleren Beläge und des Frischklebens sowie des höheren Spieltempos immer kürzer.
Technikschulung bedeutet somit, einen vorhandenen Ist-Wert an einen Ideal-Wert anzugleichen, doch Technik ist im Tischtennissport im Gegensatz zu verlaufsorientierten Sportarten (Turnen, Eiskunstlauf) nicht Selbstzweck, sondern das Mittel zur Lösung einer Spielsituation.
Rumpf, Beine und Arme werden vom Gehirn bei der Schlagbewegung koordiniert. Die Schlagbewegung erfolgt aus der Grundstellung beziehungsweise Neutralposition heraus und verläuft in mehreren Phasen:
• Grundstellung / Neutralposition
• Ausholphase
• Schlagphase / Treffphase
• Ausschwungphase
• Rückführungsphase in die Grundstellung / Neutralposition beziehungsweise direkter Übergang in eine neue Ausholphase

Abbildung „Phaseneinteilung einer Schlagbewegung“ aus: Groß, Bernd-Ulrich; Huber, Dirk: Tischtennis. Moderne Technik für Anfänger und Könner. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1995. S.15.
Entscheidend für die Qualität eines Schlages ist der Balltreffpunkt, den folgende Merkmale kennzeichnen:
• Geschwindigkeit des Schlägers
• Stellung des Schlägerblattes
• Schlagrichtung in Bezug auf die PTRF-Effekte des ankommenden und des zu schlagenden Balles
Abweichungen von der Idealtechnik werden in der Ausholphase und Ausschwungphase toleriert, insofern sie den Sportler nicht an der Ausführung des nächsten Schlages hindern.
Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Schlagtrichter. Dieser kennzeichnet die Wichtigkeit der Idealtechnik in den Phasen der Schlagbewegung.
4. PTRF-Effekte (Platzierung, Tempo, Rotation, Flugbahn)
4.1 Platzierung
Ein guter Tischtennisspieler sollte in der Lage sein, seine Schläge gezielt zu platzieren. Dadurch kann er den Gegner ausplatzieren oder auf dem falschen Fuß erwischen.
Grundsätzlich kann man die Tischhälften in die Netzzone (kurz), die Mittelzone (halblang) und die Grundlinienzone (lang) unterteilen.
Abbildung „Zoneneinteilung des Tisches“ aus: Groß, Bernd-Ulrich; Huber, Dirk: Tischtennis. Moderne Technik für Anfänger und Könner. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1995. S.12.
Gerade beim Aufschlag und dem Rückschlag wird häufig die Netzzone angespielt. Nach der Spieleröffnung werden die Bälle in der Regel mit Vorhand- oder Rückhandtopspin in den Grundlinienbereich gezogen, so dass eher der Winkel der Schläge die entscheidende Rolle spielt. Dieser Winkel wird als Streuwinkel bezeichnet.



Aus der Tischmitte heraus kann man den Ball auf die gesamte Tischbreite spielen. Lediglich Bälle mit einem extremen Winkel in die weiten Außenpositionen zu spielen, ist von hier nicht möglich.
Von der Vorhandecke kann man diagonal sehr weit in die Vorhand des Gegners herausspielen. Dafür kann man die Rückhand des Kontrahenten aber nur parallel zur Seitenlinie anspielen.
Von der Rückhandecke aus ist der Streuwinkel genau seitenverkehrt. Die weite Rückhand des Gegners kann sehr gut angespielt werden, in die Vorhand ist dagegen nur ein paralleler Rückhandschlag möglich.
Dieses Wissen ermöglicht es einem Spieler, von vornherein in bestimmten Spielsituationen gewisse Schläge des Gegners auszuschließen. Er muss aus einer geringeren Anzahl von möglichen Alternativen auswählen und kann früher eine bestimmte Position am Tisch einnehmen, wodurch er einen Vorteil erzielt.
4.2 Tempo
Tischtennisbälle können sehr schnell werden. Ein hart geschlagener Schmetterball („Schuss“), der zentral getroffen wird, erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 200 Stundenkilometern.
Auch Topspins, die nach vorne durchgezogen werden und wenig Rotation haben („Schlagtopspins“) können hohe Geschwindigkeiten von 150 bis 170 Stundenkilometern erreichen.
Vorsichtig angehobene Bälle, Schupf und Stoppbälle sind dagegen die langsamten Bälle.
4.3 Rotation
Den Begriff Rotation hört man in der Umgangssprache der Tischtennisspieler eigentlich nie. Meist wird man in der Sporthalle Begriffe wie Schnitt, Spin, Drall oder Effet hören, die alle das gleiche Phänomen bezeichnen, nämlich die Drehbewegung des Balles um die eigene Achse.
Die Schwierigkeit im Tischtennis ist zu erkennen, wie viel und welche Form von Schnitt im ankommenden Ball ist.
Grundsätzlich kann man Unterschnitt, Oberschnitt und Seitschnitt unterscheiden. Hinzu kommen noch Mischformen wie Seitunterschnitt oder Seitoberschnitt.
Je nachdem wie der Ball vom Schläger getroffen wird, erhält er eine der zuvor genannten Schnittvarianten.
Grundsätzlich gibt es zwei Arten, den Tischtennisball zu treffen:
• zentral (Ball wird gerade getroffen und erhält keine Rotation)
• tangential (Ball wird gestreift und erhält Rotation)
Stellt man sich nun den Tischtennisball als eine Weltkugel vor, die oben den Nordpol, unten den Südpol und in der Mitte den Äquator hat, so kann man bestimmten Balltreffpunkten gewisse Schlagtechniken zuordnen.
Beim Konter oder Schuss wird der Ball zentral am Äquator getroffen.
Beim Topspin oder Flip dagegen wird der Ball zwischen Äquator und Nordpol getroffen, so dass ihm Oberschnitt verliehen wird. Je weiter am Nordpol, je schneller der Schläger und je tangentialer der Ball getroffen wird, desto mehr Oberschnitt enthält er.
Wird der Ball dagegen zwischen Äquator und Südpol getroffen, enthält er Unterschnitt, zum Beispiel beim Schupfen oder der Unterschnittabwehr. Auch hier richtet sich die Stärke des Schnitts danach, wie weit am Südpol, wie schnell und wie tangential der Ball getroffen wurde.

Abbildung „Balltreffmöglichkeiten und daraus resultierende Schlagprinzipien“ aus: Groß, Bernd-Ulrich; Huber, Dirk: Tischtennis. Moderne Technik für Anfänger und Könner. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1995. S.9.
Die meisten Schwierigkeiten, den ankommenden Schnitt zu erkennen, hat man in der Regel bei der Aufschlagannahme. Der Aufschläger versucht, durch Finten in der Schlagbewegung und Mischformen des Schnitts den Rückschläger in die Irre zu führen und direkte Punkte zu erzielen oder in eine gute Ausgangsposition für den Ballwechsel zu kommen.
4.4 Flugbahn
Die Flugbahn des Balles und das Absprungverhalten des Balles auf dem Tisch geben auch Aufschluss darüber, welcher Schnitt und wie viel Schnitt im ankommenden Ball sind.
Bälle mit viel Oberschnitt, zum Beispiel weiche oder hochgerissene Topspins, haben eine relativ hohe Flugkurve und springen nach dem Auftreffen auf dem Tisch sehr flach weg.
Schnelle Topspins mit weniger Oberschnitt haben eine flachere und längere Flugkurve und springen etwas höher ab.
Stark unterschnittene Bälle, zum Beispiel ein Schupf oder eine Unterschnittabwehr, fliegen zwar sehr flach über das Netz, springen jedoch auf Grund ihrer Rückwärtsrotation relativ hoch ab. Gerade für Abwehrspieler ist es daher wichtig, eine gute Länge in ihre Schläge zu bekommen, damit der Gegner sie nicht bereits über dem Tisch attackieren kann.
Bälle mit wenig oder gar keinem Schnitt, etwa ein Konter oder ein gehobener Ball, fliegen relativ gerade.
5. Magnus-Effekt
Der Magnus-Effekt wurde nach seinem deutschen Entdecker, dem Chemiker und Physiker Heinrich Gustav Magnus (2.5.1802 – 4.4.1870) benannt.
Es handelt sich beim Magnus-Effekt um ein Phänomen der Strömungsmechanik, nämlich die Querkraftwirkung, die ein rotierender und runder Körper, zum Beispiel ein Zylinder oder eine Kugel, in einer Strömung erfährt.
Heinrich Gustav Magnus erbrachte 1852 den Nachweis des Phänomens rein experimentell und erkannte damit die Ursache für die Bahnabweichung rotierender Geschosse. Angeregt durch die Flugbahnabweichung von Tennisbällen gelang erst 1877 dem englischen Physiker Baron John William von Rayleigh (12.11.1842 – 30.6.1919) die theoretische Begründung des Effekts.
Der Magnus-Effekt wird – auch in Lehrbüchern – häufig unterschiedlich erklärt. Eine häufige Darstellungsweise bedient sich der „Bernoulli-Gleichung“, die zu einer leicht verständlichen Erklärung führt, aber einige systematische Ungenauigkeiten birgt.
Nach der „Bernoulli-Gleichung“ entsteht durch unterschiedliche Strömungsgeschwindigkeiten auf zwei Seiten eines Körpers eine Druckdifferenz, die eine resultierende Kraft erzeugt.
Ein fliegender Ball führe nun eine lineare Bewegung innerhalb der Luft aus und rotiere dabei. Seine Flugbahn wird nun zu der Seite hin abgelenkt, auf der der Körper sich mit der Strömung – also entgegen der Flugrichtung – dreht. Auf dieser Seite umströmt die Luftschicht den Ball schneller, es entsteht also ein Unterdruck. Die Drehung gegen die Luftströmung auf der anderen Seite bewirkt, dass die Luft abgebremst wird, hier entsteht ein Überdruck. Der daraus resultierende Druckunterschied ist die Ursache der Querkraft.

Grafik: Magnus-Effekt. Aus: Wikipedia. 23.5.2007.
Die folgenden praktischen Beispiele von abgelenkten Flugkörpern werden häufig mit dem Magnus-Effekt in Verbindung gebracht. In allen Fällen treten jedoch verschiedene Effekte gleichzeitig auf.
• Tischtennisspieler oder Tennisspieler nutzen den Effekt etwa beim Topspin oder beim Slice.
• Fußballspieler verleihen dem Ball einen Drall, damit er im Bogen fliegt, zum Beispiel bei Flanken („Bananenflanke“) oder bei Freistößen.
• Golfbälle haben viele kleine Vertiefungen auf der Oberfläche, die so genannten „Dimples“. Sie verbessern als Turbulatoren das Anhaften der am Ball anliegenden und durch seine Rotation mitgeführten Grenzschicht. Dadurch verstärken sich die Wirbelbildung und die damit einhergehende Ablenkung des Balles durch den Magnus-Effekt. Da der Golfball durch die Keilform des Schlägers im Flug rückwärts rotiert, wird er durch den Magnus-Effekt angehoben.